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    Kritik nach Solokonzert in Pirmasens, 17.10.2011

    Charmant, zugänglich und gleichermaßen robust wie irritierbar präsentierte sich der Berliner Liedpoet, Gitarrist und Geschichtenerzähler Masen Abou-Dakn mit seinem aktuellen Solo-Programm am Freitagabend im Kulturcafé „Pünktchen und Anton“ in Pirmasens.

    Masen ist ein bemerkenswert authentischer Bühnenkünstler. Einer, der den Geist des Ortes aufnimmt, der sich allürenfrei auf sein Publikum einlässt, einer, der im Gespräch zu Hause ist und einem das Gefühl vermitteln kann, nur hier und heute und nur für dieses Publikum zu spielen.

    Der 48-Jährige verfügt über jenen Charme, den man gerne als „jungenhaft“ oder „spitzbübisch“ apostrophiert und bei dem man immer ein bisschen auf der Hut sein sollte. Gleichwohl kann der geübte Konzertgänger bei Masen die nervöse Spannung fühlen, die jeder Bühnenkünstler braucht, um Konzentration und Projektion für seinen Auftritt aufzubauen. Bei Masen verbindet sich das mit einer natürlichen Autorität, die ganz und gar auf einer soliden Könnerschaft fußt, so recht im Geiste von Bob Dylans „I know my song well before I start singing.“

    „Authentisch“ ist bei Masens Liedern und Geschichten vor allem als „eigenständig“ zu übersetzen. Gerade und ganz besonders deshalb, weil er bewusst oder unbewusst knietief in den Traditionen und Manierismen deutscher Liederschreiber, Liedpoeten oder eben „Liedermacher“ steht, die sich ja ihrerseits auf den „Schultern von Riesen“ aus dem französischen Chanson und der anglo-amerikanischen Liedkultur wussten. Bei Masen kommt noch der Einfluss Lateinamerikas hinzu und – wenn man denn will – der einer arabischen Erzählkultur, die bei dem 1963 in Damaskus geborenen Berliner ja zumindest nahe liegt. Man darf aber Masens Credo „Ich bin wie ich bin“ aus dem Lied „Die Dinge sind (wie sie sind)“ sehr wohl in der Nachfolge von Martin Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ sehen, der mal so, mal so formulierten Unabhängigkeitserklärung noch jeden Künstlers, die gleichzeitig auch stets ein wenig narzisstische Selbstversicherung und trotziges Mantra ist.

    Masens Liedpoesie folgt zumeist eher einem wandernden, rhapsodischen Fluss, selbst dann, wenn ein Refrain oder ein Reim die Form ein bisschen bändigt. Man hat auch den lyrischen Setzkasten (ebenfalls in dem genannten „Die Dinge sind“), bei dem mehr oder weniger passende Assoziationen und Zuschreibungen an ihren Platz fallen und es dem Zuhörer überlassen bleibt, Bedeutungsbrücken zu bauen. Man findet unvermeidlich auch Zeigefingerlieder wie das weniger originelle „Barbie“ und das weit befriedigendere, poetisch-kabarettistische „König der Leiden“. Dann immer wieder bildstarke Erzählungen wie die „Seemannsballade“ und selbst-reflektierende Betrachtungen wie „Bin ich das“. Und – bis auf ein solistisches Zwischenspiel auf der Gitarre – nur die Wörter: Die naiv-romantische Kurz- Erzählung vom „Glücksatmer“.

    Masens Klasse liegt aber darin, dass weder Musik noch Text beliebige Zugaben für das je andere wären. Die Gitarre swingend und tadellos gespielt, der Gesang ein melodisches Sprechen. Der Berliner hat ein goldenes Händchen dafür, Melodien, Groove und Wörter als ein natürliches Ganzes wirksam werden zu lassen, die Kanten und Brüche aber trotzdem nicht zu glätten, Reibungen zuzulassen. Eher körniges Amalgam als glatte Legierung. Das Publikum hat das Glück, einen Künstler beobachten zu dürfen, der sich in seiner Kunst bewusst und erkennbar unterwegs befindet. Masen schickt uns mit seinen Liedern Briefe und Ansichtskarten von seiner Reise und ist vermutlich längst schon wieder woanders, wenn uns die Post erreicht.

    (17.10.2011, Fred Schütz, Die Rheinpfalz)