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    Story: Care-Pakete aus Nahost – Teil 2

    Aus mir unbekannten Quellen bekamen wir ab und an dicke, unansehnliche Pakete. Braunes, schlichtes Packpapier, mindestens an drei Stellen eingerissen, zusammengehalten von vier- bis sechsfach geschnürtem Paketband, voller unzähliger Knoten, die nur durch resolutes Eingreifen meines Vaters mit Hilfe seiner Lieblings-Schneider-Schere entgordenisiert werden konnten.

    Der Aufmerksamkeit des Überbringers misstrauend, waren alle sechs Seiten des mystischen Paketes vollgekritzelt mit merkwürdigen Schriftzeichen, die für mich, der kein Arabisch lesen konnte, eher eine letzte Warnung an Pandorra bedeuten mochten, als unsere Adresse.

    Dass solch ein geheimnisvolles Paket auf dem normalen Postwege aus Damaskus zu uns ins kulinarisch unterentwickelte Tempelhof gekommen sein sollte, konnte ich einfach nicht glauben. Ich sah deutlich vor mir, wie ein von sonnenbebrillten Geheimdienstlern verfolgter, meinem Vater treu ergebener Abenteurer sich durch die Gassen eines orientalischen Bazars drängelte. Sein Blick pendelte gehetzt zwischen seinen Verfolgern und dem wertvollen Frachtgut in seinen Armen, das er, wenn nötig, bereit wäre, mit seinem Leben zu verteidigen: unser Paket.

    Die phantasielose Wahrheit war, dass uns einfach ab und zu Bekannte meines Vaters aus dem Orient besuchten, die diese Pakete mitbrachten. Aber davon wollte ich damals nichts wissen.

    Was war nun in diesen Care-Paketen aus dem Nahen Osten?
    Nichts weiter als kleine essbare Wunder:

    • Eine gummiartige Masse aus getrockneten, zerdrückten, plattgewalzten Aprikosen, auf der man unglaublich fruchtig stundenlang herumkaute.
    • Köstliche mit Nüssen und Knoblauch gefüllte, eingelegte Mini-Auberginen, die niemand, außer mein Vater, schon zum Frühstück essen konnte.
    • Streng riechendes, braunes Gewürz-Pulver, in das mein Vater seine Knoblauch-Auberginen zum Frühstück auch noch freudig dippte.
    • Große Beutel, gefüllt mit merkwürdigen, getrockneten grünen Blättern (kein Spinat, keine Minze und auch keine Brennnesseln). Ich war mir sicher, sie hatten irgendetwas mit Miraculix´ Zaubertrank zu tun, aber meine Mutter bestand darauf, sie normal zu kochen. Und als Kind liebte ich das Ergebnis, weil daraus ein spaßiges Essen wurde, bei dem man das gekochte Zauberkraut mit Zwiebel-Tunke, Reis, Brot, fettigen Hühnerstücken und allem, was sonst noch auf die frischgewaschene Tischdecke kleckern konnte, verpampen durfte.

    Aber der Höhepunkt jeder Paketöffnung war ohne Zweifel das Entdecken jener eigentümlichen, papierähnlichen, hauchdünnen Fetzen, voller braungekokelter Flecken und herausgebackener Löcher, die meine Eltern schlicht als „Arabisches Brot“ bezeichneten. Es war relativ geschmacksneutral, aber alleine schon durch die fremdartige Zubereitung beim Essen für mich als tempelhofer Stullen gewohntes Kind etwas unglaublich Besonderes. Das Ritual dazu: die Papierbrotrollen entheddern, glattstreichen mit Butter und „Kaptain Nuss“ (falls das heute noch einer kennt) bestreichen, das Ganze zusammenrollen, darauf achten, dass möglichst viel von dem, was aus den Löchern tropfte, auf dem Teller landete und dann endlich genüsslich in eines der Enden hineinbeißen.

    Es war sensationell. Und niemand hatte es – außer uns.

    Und in so einem Augenblick hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass es vielleicht doch nicht ganz so nervig war, ein Nicht-Deutscher zu sein…

    Nun, ja, im Nahen Osten kriselte es zunehmend, und das Schlimmste daran war, dass sich unsere Paketversorgung deutlich verschlechterte. Irgendwann kamen dann ohnehin die ersten türkischen und arabischen Lebensmittelläden nach Berlin, und aus dem, was einst rar und selten war, wurde etwas beinahe Normales. Heute bekommt man in Berlin ja fast alles, was man in der Welt so essen kann (selbst in Tempelhof). Nur eines habe ich nie wiedergefunden, und ich vermisse es heute noch: diese zähen Stücke aus simpler, getrockneter Aprikosenmasse. Denn gegen die schmeckt jeder Super-Bum-Bum-Frucht-Kaugummi von heute wie ein zerschnittener Lastwagenreifen.

    Und Eines weiß ich ganz sicher: Ich konnte etwas kulinarisch Außergewöhnliches niemals wieder so schätzen, wie ich es in der Zeit der Care-Pakete aus Nahost konnte. Als ein Brot, das man rollen durfte, der Frühstücks-Höhepunkt des Monats war.

    E N D E

    Die komplette Kurzgeschichte hier als pdf downloaden:
    Care-Pakete aus Nahost

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